München, 23. März 1946 – Während die Weltgemeinschaft die Verbrechen des Dritten Reiches aufarbeitet, stirbt in einem Krankenhaus in Meran eine Frau, die wie kaum eine andere die fanatische Durchdringung der deutschen Gesellschaft durch die NS-Ideologie verkörperte: Gerda Bormann. Sie war nicht nur die Ehefrau von Martin Bormann, der als Privatsekretär Adolf Hitlers und Leiter der Parteikanzlei zu den einflussreichsten Männern des Regimes zählte.
Sie war eine glühende Nationalsozialistin aus Überzeugung, die weit über die geforderte Rolle der Mutter hinausging und selbst intimste Bereiche des Lebens der Rassenideologie unterordnete.
Die heute im Alter von nur 36 Jahren an den Folgen einer Quecksilbervergiftung Verstorbene wurde am 23. Oktober 1909 als Gerda Buch in Konstanz geboren. Ihr Vater, Walter Buch, war ein Berufsoffizier, der die Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg nie akzeptierte und bereits Ende 1922 zu den frühesten Mitgliedern der NSDAP gehörte.
Als Vorsitzender des Parteigerichts der NSDAP ab 1927 war er maßgeblich für die interne Disziplin und die ideologische Reinheit der Bewegung verantwortlich. In diesem Haushalt wuchs Gerda auf, und hier prägte sich ihr Weltbild aus, das von einem unerschütterlichen Antisemitismus und einer bedingungslosen Verehrung Hitlers geprägt war.
Die Atmosphäre ihrer Kindheit war durchdrungen von rassistischem Gedankengut. Ihr Vater, ein persönlicher Freund Adolf Hitlers, der die Familie in den 1920er Jahren regelmäßig besuchte, scheute sich nicht, seine radikalen Ansichten am Esstisch zu äußern. Aussprüche wie „Juden sind keine Menschen, sie sind Vollnisserscheinungen“ gehörten zum Alltag der Familie.
Für die junge Gerda war dieser Extremismus keine Ausnahme, sondern die moralische Grundierung ihrer Erziehung. Sie internalisierte diese Vorstellungen, lange bevor sie die kognitive Fähigkeit oder die Gelegenheit hatte, diese kritisch zu hinterfragen, und wurde so zu einer überzeugten Anhängerin der Bewegung.
Im Jahr 1929 lernte die damals 19-Jährige Martin Bormann kennen, einen neun Jahre älteren NSDAP-Funktionär, der bereits wegen seiner Beteiligung am Mord an dem Lehrer Walther Kadow im Jahr 1923 eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte. Nach anfänglichem Zögern des Vaters, der Bedenken wegen der kriminellen Vergangenheit des Bewerbers hatte, wurde die Verbindung genehmigt. Am 2.
September 1929 heiratete das Paar, mit Adolf Hitler und Rudolf Hess als Trauzeugen. Diese Ehe war weit mehr als ein privates Bündnis; sie katapultierte Martin Bormann in das Zentrum eines familiären Netzwerks, das tief in der Führungsebene der NSDAP verankert war.
Der Aufstieg Bormanns war rasant. Bereits 1933, im Jahr der Machtergreifung, war er Sekretär des Stellvertreters des Führers, Rudolf Heß, und wurde noch im Oktober desselben Jahres zum Reichsleiter ernannt, der zweithöchsten Position in der Parteihierarchie. Gerda Bormann verfolgte diesen Aufstieg aus nächster Nähe und unterstützte ihn vorbehaltlos.
Sie sah ihre Aufgabe darin, den Mann zu unterstützen, der den Zugang zum Führer kontrollierte, und ihre eigene Rolle bestand in der bedingungslosen Erfüllung ihrer Pflichten als nationalsozialistische Ehefrau und Mutter.
Zwischen 1930 und 1943 gebar Gerda Bormann zehn Kinder. Das erste, am 14. April 1930 geboren, erhielt den Namen Martin Adolf, wobei Adolf Hitler selbst als Pate fungierte.
Die Namen der weiteren Kinder waren ein Spiegelbild der engen Verbindung zur NS-Führungselite: Heinrich Hugo nach Heinrich Himmler, Rudolf Gerhard nach Rudolf Heß. Als eine der Zwillingstöchter kurz nach der Geburt starb, geschah dies, weil Bormann auf dem Trinken von Rohmilch bestand, um die Kinder zu „stählen“. Nach der Flucht von Rudolf Heß nach Schottland im Jahr 1941 wurden die nach ihm benannten Kinder umbenannt.
Für das zehnte Kind wurde Gerda Bormann mit dem Mutterkreuz in Gold ausgezeichnet, ein Symbol für die Reduktion der Frau auf ihre biologische Funktion im NS-Staat.
Das Leben der Familie spielte sich im Schatten des Berghofs auf dem Obersalzberg ab, den Martin Bormann ab 1935 zu einem Führungszentrum und Rückzugsort für Hitler ausgebaut hatte. Die Familie lebte in einem Haus in unmittelbarer Sichtweite der Residenz des Diktators. Die Kinder spielten in der Nähe der Männer, die den Massenmord in ganz Europa organisierten.
In diesem Umfeld war der häusliche Alltag jedoch keineswegs idyllisch. Martin Bormann war bekannt für seine Grobheit und Herrschsucht. Er pfiff nach seiner Frau, als sei sie ein Hund, und neigte zu gewalttätigen Wutausbrüchen, die sich auch gegen Gerda und die Kinder richteten, wobei er Berichten zufolge sogar eine Peitsche einsetzte.
Trotz dieser Demütigungen und einer langjährigen Affäre ihres Mannes mit der Schauspielerin Manja Behrens reagierte Gerda Bormann nicht mit Eifersucht oder Vorwürfen. Stattdessen rechtfertigte sie das Verhalten ideologisch. In einem Brief schrieb sie an ihren Mann, er solle dafür sorgen, dass seine Geliebte ein Kind bekomme und sie im nächsten Jahr, damit er immer eine einsatzfähige Frau habe.
Ihr Fanatismus ging noch weiter. Im Februar 1944 forderte sie schriftlich die Einführung einer sogenannten „Volksehe“, einer staatlich geregelten Notpolygamie, um die Kriegsverluste auszugleichen und den „wertvollen“ Männern eine legale Mehrfachehe zu ermöglichen.
Diese Briefe, die als historische Dokumente erhalten sind, offenbaren eine Frau, die in ihrer Radikalität viele ihrer Zeitgenossen übertraf. Sie schrieb mit einem Hass über Juden, der dem ihres Mannes in nichts nachstand, und bewunderte den berüchtigten Hetzer Julius Streicher. Ihre Kinder wurden in einem Haushalt erzogen, der das Christentum ablehnte, Mitgefühl als Schwäche galt und der Glaube an die eigene Zugehörigkeit zur biologischen Elite des Reiches im Vordergrund stand.
So beschrieb es später ihr Sohn Martin Adolf, der als Erwachsener mit dem Erbe seiner Eltern brach.
Während Gerda Bormann ihren Alltag auf dem Obersalzberg verbrachte, war ihr Ehemann maßgeblich an der Organisation des Holocaust beteiligt. Nach dem Flug von Heß übernahm Bormann im Mai 1941 die Leitung der Parteikanzlei und war fortan nur Hitler verantwortlich. Er unterzeichnete den Erlass zur Ausweitung der Nürnberger Gesetze auf die besetzten Ostgebiete und erhielt die Berichte der Einsatzgruppen, die im Osten tausende Juden ermordeten.
Die Parteikanzlei war auch in die administrativen Vorbereitungen der Wannseekonferenz vom Januar 1942 involviert. Martin Bormann stieg zum wichtigsten Initiator des Holocaust im zivilen Bereich auf, und Gerda wusste von seiner Arbeit.
Das Ende des Krieges erreichte die Familie erst spät. Am 25. April 1945 zerstörte ein alliierter Luftangriff große Teile des Obersalzbergs.
Gerda Bormann floh noch am selben Tag mit ihren Kindern nach Südtirol, in das Dorf Wolkenstein. Martin Bormann blieb bis zuletzt bei Hitler im Führerbunker in Berlin, war Trauzeuge bei der Hochzeit mit Eva Braun und starb am 1. Mai 1945 beim Versuch, die sowjetischen Linien zu durchbrechen.
Sein Schicksal blieb jahrzehntelang ungeklärt, bis seine sterblichen Überreste 1998 per DNA-Analyse identifiziert wurden.
Gerda Bormann wurde von den alliierten Behörden in Wolkenstein aufgespürt und verhaftet. Sie wurde verhört, erhielt jedoch keinen Besuch. Im Herbst 1945 wurde sie mit der Diagnose Gebärmutterkrebs in ein Krankenhaus nach Meran überstellt.
Sie starb am 23. März 1946 nicht an der Krankheit, sondern an den Folgen einer Quecksilbervergiftung durch ihre Behandlung. Sie wurde auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Meran beigesetzt.
Ihr Vater, Walter Buch, wurde in der Entnazifizierung als Hauptschuldiger eingestuft und beging am 12. November 1949 Selbstmord.
Die überlebenden Kinder kamen in die Obhut eines Geistlichen, der sie adoptierte. Der älteste Sohn, Martin Adolf, wurde 1959 zum Priester geweiht und setzte sich später öffentlich mit den Taten seiner Eltern auseinander, obwohl gegen ihn selbst 2011 schwere Vorwürfe wegen Missbrauchs erhoben wurden. Gerda Bormann selbst musste sich nie vor einem Gericht für ihre Taten verantworten.
Doch ihre erhaltenen Briefe sind ein erschütterndes Zeugnis ihrer Überzeugung. Sie war keine passive Zuschauerin im Schatten eines mächtigen Mannes, sondern eine treibende Kraft des Systems, die die Rassenideologie bis in das intimste Familienleben trug und damit ein tragisches Beispiel dafür liefert, dass das NS-Regime nicht nur von den Tätern in den Ämtern, sondern auch von den Frauen und Müttern in den eigenen vier Wänden getragen und normalisiert wurde. Ihr Tod entzieht sie der irdischen Gerechtigkeit, doch die Geschichte hat über sie bereits ein anderes Urteil gefällt.


