Die Abrechnung: Wie Belgien mit NS-Kollaborateuren umging

Die Abrechnung: Wie Belgien mit NS-Kollaborateuren umging

Die Abrechnung: Ein Bürgermeister, ein Hinterhalt und das blutige Massaker von Courcelles

Brüssel – Es ist der 17. August 1944, ein Tag, der sich in das kollektive Gedächtnis Belgiens brennen wird wie kaum ein zweiter. Auf einer staubigen Landstraße zwischen Charleroi und Courcelles endet das Leben eines Mannes, der zum Symbol der Kollaboration geworden ist, in einem Kugelhagel.

Doch der Tod von Oswald Englebin, dem rexistischen Bürgermeister von Groß-Charleroi, ist nur der Auftakt zu einer Nacht des Schreckens, die als das Massaker von Courcelles in die Geschichte eingehen sollte. Innerhalb weniger Stunden verwandelt sich die Region in ein Blutbad, bei dem unbeteiligte Zivilisten brutal aus ihren Häusern gerissen und hingerichtet werden – ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen einer faschistischen Bewegung, die ihren Untergang bereits spürt.

Der Anschlag erfolgt präzise und ohne Vorwarnung. Gegen 13:30 Uhr kämpft sich der mit Holzgas betriebene Wagen des Bürgermeisters die steile Straße hinauf. Am Steuer sitzt sein Sohn Philippe, daneben der Leibwächter Marcel Denne, auf der Rückbank Oswald Englebin und seine Frau Flora.

An einer Stelle namens Ronjat bemerkt der Leibwächter einen scheinbar liegengebliebenen Wagen. In dem Moment, als der Fahrer langsamer wird, tauchen aus dem Nichts vier bewaffnete Männer auf und eröffnen das Feuer. Die Schüsse zerfetzen die Stille des Nachmittags.

Philippe wird sofort tödlich getroffen, das Fahrzeug rollt rückwärts in einen Graben. Die Angreifer nähern sich und geben aus nächster Nähe weitere Schüsse auf die Insassen ab. Die spätere Obduktion ergibt eine grausame Bilanz: sechs Kugeln im Körper des Bürgermeisters, 18 in dem seiner Frau und vier in dem des Sohnes.

Nur der Leibwächter überlebt, indem er sich unauffällig entfernen und Alarm schlagen kann.

Oswald Englebin, geboren 1893 in Senzeilles, war kein unbeschriebenes Blatt. Nach einer Verletzung im Ersten Weltkrieg, die ihn vom Frontdienst abhielt, fand er in der Zwischenkriegszeit Anschluss an die radikale Rechte. Die wirtschaftliche Not der 1930er Jahre, die Angst vor dem Kommunismus und die Krise der parlamentarischen Demokratie trieben ihn in die Arme der Rex-Bewegung von Léon Degrelle.

Was als katholischer Verlag begann, entwickelte sich zu einer faschistischen Partei, die sich offen an Mussolini und Hitler orientierte. Englebin stieg in der Hierarchie auf, wurde 1941 zunächst Bürgermeister von Trazegnies und übernahm nach der Ermordung seines Vorgängers durch den Widerstand im Dezember 1942 das Amt des Bürgermeisters von Groß-Charleroi. In dieser Funktion wurde er zum sichtbaren Gesicht der Besatzungsherrschaft, empfing SS-Truppen und feierte die belgischen Freiwilligen an der Ostfront.

Doch der Widerstand gegen die Besatzer und ihre Helfer wuchs mit jedem Monat. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die Attentäter vom 17.

August gehörten vermutlich einer kommunistisch orientierten Widerstandsgruppe an, die beschlossen hatte, die Kollaborationsspitze der Region zu eliminieren. Ihr Ziel erreichten sie, doch die unmittelbare Folge war eine Eskalation der Gewalt, die in ihrer Brutalität selbst die deutschen Besatzer in den Schatten stellte. Die rexistischen Milizen, die den Tod ihres Bürgermeisters rächen wollten, schlugen blind und wahllos zu.

Sie gingen davon aus, dass sich die Täter unter den Passanten versteckt hielten, und richteten ihre Waffen gegen die ersten Zivilisten, die ihnen in die Quere kamen.

Das erste Opfer der Rache ist Paul Van der Berghe, der kaufmännische Direktor des Bergwerks Monceau-Fontaine. Er wird auf offener Straße niedergeschossen, als er zu fliehen versucht. Sein Kollege Jean Linne kann entkommen.

Doch dies ist nur der Anfang eines beispiellosen Terrors. In der Nacht zum 18. August verschleppen die Rexisten mehr als 20 angesehene Bürger der Region in ein beschlagnahmtes Haus in Courcelles, unweit des Tatorts.

Unter den Gefangenen befinden sich Pater Pierre Harmignie, der Dekan von Charleroi, der für seine regimekritischen Predigten bekannt war, sowie Anwälte, Ingenieure und Polizeibeamte. Sie werden im Keller eingesperrt, während ihre Bewacher die Hinrichtung minutiös vorbereiten.

Im Morgengrauen lassen die Mörder die Motoren ihrer Fahrzeuge laufen, um die Schüsse zu übertönen. Einer nach dem anderen wird aus dem Keller geführt. Pater Harmignie, so berichten Überlebende, tröstet seine Leidensgenossen mit den Worten: „Ich sterbe, und wir sterben alle, damit Frieden auf Erden herrsche und die Menschen einander lieben.

“ Jedes Opfer erhält einen Genickschuss. Die Leichen werden achtlos in der Nähe der Stelle abgelegt, an der Englebin getötet wurde. Insgesamt werden in dieser Nacht 19 Menschen ermordet – die größte Gruppe der insgesamt 27 Todesopfer des Massakers von Courcelles.

Zwei Gefangene überleben nur durch glückliche Umstände: Marcel Stockar wird vor dem Abtransport freigelassen, Germaine Gobe erkennt ein rexistischer Cousin unter den Mördern wieder.

Das Massaker endet nicht mit der Nacht. Noch am selben Tag wird Germaine van Hoegaerden, die Präsidentin des Roten Kreuzes von Charleroi, verschleppt und mit drei Schüssen in den Rücken ermordet. Auch Elisabeth De Ridder, eine Haushälterin, fällt den Tätern zum Opfer.

Die deutschen Besatzungsbehörden dulden diese Morde nicht nur, sie instrumentalisieren sie für ihre Propaganda. In ganz Belgien wird verbreitet, Englebin und seine Familie seien Opfer „bolschewistischer Terroristen“ geworden. Parallel dazu führen die Deutschen eigene Vergeltungsmaßnahmen durch und erschießen 20 Geiseln, die bereits wegen früherer Widerstandsaktionen inhaftiert waren.

Es ist eine doppelte Barbarei, die zeigt, wie sehr Kollaborateure und Nationalsozialisten den Terror als Mittel der Herrschaftssicherung einsetzten.

Die Befreiung Belgiens im September 1944 beendet das Blutvergießen, doch die Aufarbeitung beginnt erst. Die Justizbehörden leiten umfangreiche Ermittlungen ein. Von rund 150 mutmaßlichen Beteiligten an den Morden von Courcelles können 97 identifiziert werden, 80 werden festgenommen und vor Gericht gestellt.

Am 10. November 1947 fällt das Urteil: 27 Rexisten werden in Charleroi durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Unter ihnen befinden sich führende Funktionäre wie Victor Matthys, der die Partei nach der Flucht Degrelles führte, sowie sein Nachfolger Louis Collard.

Auch der Rechtsanwalt Joseph Pévenasse, der die Morde mit organisiert hatte, wird zur Rechenschaft gezogen. Die Prozesse sind ein Versuch, Gerechtigkeit herzustellen für ein Verbrechen, das die Gesellschaft tief gespalten zurückließ.

Der Zweite Weltkrieg fordert in Belgien rund 88. 000 Todesopfer, darunter etwa 25. 000 belgische Juden, die in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet wurden.

Oswald Englebin entschied sich, mit dem Regime zusammenzuarbeiten, das für diesen Völkermord verantwortlich war. Er bezahlte diese Entscheidung mit dem Leben seiner gesamten Familie. Doch die Rechnung, die er aufmachte, ging auf Kosten Unschuldiger.

Das Massaker von Courcelles bleibt eine der dunkelsten Stunden der belgischen Geschichte – ein Mahnmal dafür, wohin Ideologie, Hass und die Bereitschaft zur Kollaboration führen können. Die Erinnerung an die 27 ermordeten Zivilisten von Courcelles ist bis heute wach, ein stiller Vorwurf an alle, die damals wegsahen oder mitmachten.