Wolhynien 1943: Der Mann hinter Polens dunkelster Stunde

Wolhynien 1943: Der Mann hinter Polens dunkelster Stunde

Lemberg, 5. März 1950 – Die sowjetischen Sicherheitskräfte haben in einem Dorf nahe der westukrainischen Metropole Lemberg den meistgesuchten Mann des Landes gestellt. Roman Schuchewitsch, der oberste Befehlshaber der Ukrainischen Aufständischen Armee, ist bei einem Schusswechsel mit Einheiten des Innenministeriums getötet worden.

Mit seinem Tod endet die Flucht eines Mannes, der weite Teile seines Lebens im Untergrund verbrachte und dessen Wirken die Geschichte Osteuropas für immer veränderte. Die Behörden in Moskau können einen bedeutenden Erfolg im Kampf gegen den nationalistischen Widerstand verbuchen, der die Region seit Jahren im Griff hält.

Schuchewitsch, von seinen Anhängern als Held und Freiheitskämpfer verehrt, wird von den sowjetischen Behörden als Kriegsverbrecher und Terrorist gebrandmarkt. Sein Tod markiert einen Wendepunkt in einem erbitterten Konflikt, der noch Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weitergeht. Die Umstände seines Todes sind ebenso brutal wie das Leben, das er führte.

Umstellt in seinem Versteck, wählte er den Tod im Kugelhagel, anstatt sich gefangen nehmen zu lassen. Seine Familie, so wird berichtet, soll nach dem Prinzip der Sippenhaft zur Verantwortung gezogen werden.

Die Karriere Schuchewitschs ist eine Geschichte extremer Radikalisierung, die in den Wirren des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der alten Imperien begann. Geboren 1907 in Krakowez, einer kleinen Ortschaft westlich von Lemberg, damals Teil Österreich-Ungarns, wuchs er in einem Haushalt auf, der von ukrainischem Nationalismus geprägt war. Sein Vater und seine Mutter waren überzeugte Anhänger der nationalen Bewegung, die gegen die polnische Herrschaft über die Westukraine kämpfte.

Schon früh kam er in Kontakt mit Jewhen Konowalez, dem Kommandeur der Ukrainischen Militärorganisation, einer geheimen paramilitärischen Gruppierung, die den bewaffneten Kampf propagierte.

Bereits mit 19 Jahren beging Schuchewitsch seinen ersten politischen Mord. Im Oktober 1926 tötete er den Schulinspektor Stanislaw Sobinski, der beschuldigt wurde, die polnische Sprachpolitik durchzusetzen, die das ukrainische Bildungswesen unterdrücken sollte. Der Mord geschah vor den Augen der Ehefrau des Opfers.

Es war der Beginn einer Karriere, die von Gewalt und Skrupellosigkeit geprägt sein sollte. Nach der Gründung der Organisation Ukrainischer Nationalisten, kurz OUN, im Jahr 1929, stieg Schuchewitsch schnell zu einem der wichtigsten militärischen Führer der radikalen Bewegung auf, die den Terrorismus als politische Waffe einsetzte.

Die OUN, ein Zusammenschluss radikaler nationalistischer und faschistischer Gruppen, sah ihr großes Ziel in der Errichtung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Dieser Traum schien in greifbare Nähe zu rücken, als Nazi-Deutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel.

Schuchewitsch war zu diesem Zeitpunkt bereits ein erfahrener Untergrundkämpfer und Kollaborateur der deutschen Abwehr, dem militärischen Nachrichtendienst der Nazis. Er hatte an geheimen Ausbildungen teilgenommen und kommandierte das Bataillon Nachtigall, eine aus ukrainischen Nationalisten bestehende Einheit, die in deutschen Uniformen und mit deutschen Waffen ausgerüstet war.

Der Einmarsch in die Sowjetunion leitete eine der dunkelsten Phasen der europäischen Geschichte ein. Als die deutschen Truppen in Lemberg einmarschierten, brach sich ein unvorstellbarer Gewaltexzess Bahn. Nach den Massakern des sowjetischen NKWD an politischen Gefangenen, bei denen auch Schuchewitschs Bruder getötet wurde, entlud sich der aufgestaute Hass der ukrainischen Nationalisten gegen die jüdische Bevölkerung.

Vom 1. Juli 1941 an kam es zu einem großen Pogrom, an dem sich laut übereinstimmenden Zeugenaussagen auch Angehörige des Bataillons Nachtigall unter dem Kommando von Schuchewitsch beteiligten. Mindestens 4.

000 Juden wurden in diesen Tagen in Lemberg ermordet.

Doch die Hoffnung der OUN auf einen unabhängigen ukrainischen Staat erfüllte sich nicht. Die Nazis betrachteten die Ukraine als Lebensraum für das deutsche Volk und lehnten jegliche Form der Eigenstaatlichkeit ab. Die Führung der OUN wurde verhaftet, das Bataillon Nachtigall aufgelöst.

Schuchewitsch überlebte politisch und militärisch und wurde 1942 als Offizier in eine neu aufgestellte Hilfspolizeieinheit übernommen, die nach Belarus verlegt wurde, um dort einen brutalen Krieg gegen sowjetische Partisanen zu führen. Die Einheit beteiligte sich an Vergeltungsaktionen, bei denen unbewaffnete Zivilisten massakriert wurden. Experten sprechen von einer perfiden Schule des Terrors, die die Methoden für die späteren Verbrechen in Wolhynien prägte.

1943, als sich das Kriegsglück gegen Deutschland wendete, kehrte Schuchewitsch in die Westukraine zurück. Dort wurde er zum obersten Befehlshaber der neu gegründeten Ukrainischen Aufständischen Armee, kurz UPA, ernannt. Die UPA gab vor, gegen die Deutschen und die Sowjets zu kämpfen, doch ihre Hauptaktivitäten richteten sich bald gegen eine völlig andere Gruppe: die polnische Zivilbevölkerung.

Unter der Führung Schuchewitschs begann eine beispiellose Kampagne ethnischer Säuberungen, die als das Massaker von Wolhynien in die Geschichte eingehen sollte. Zwischen 60. 000 und 100.

000 ethnische Polen, darunter Männer, Frauen und Kinder, wurden in einer Welle unvorstellbarer Brutalität ermordet.

Der 11. Juli 1943, der sogenannte Wolhynische Blutsonntag, markierte den Tiefpunkt der Menschlichkeit. An diesem Tag griffen Todesschwadronen der UPA koordiniert Dutzende polnische Dörfer an.

Die Täter nutzten die Tatsache aus, dass die Bevölkerung zum Gottesdienst in den Kirchen versammelt war. Berichte über die Grausamkeiten sind kaum zu ertragen. Priester wurden gekreuzigt, Kirchen mit den Menschen darin angezündet.

Frauen wurden mit Bajonetten aufgespießt, Kinder an den Beinen auseinandergerissen, andere auf Mistgabeln aufgespießt. Augen wurden ausgestochen, Zungen herausgeschnitten, Bäuche aufgeschlitzt. Lebende Kinder wurden in brennende Häuser geworfen.

Diese Verbrechen, verübt von ukrainischen Nationalisten, die den Traum eines ethnisch homogenen Staates verfolgten, gelten bis heute als eine der dunkelsten Stunden in den Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine.

Schuchewitsch, der intellektuelle Architekt dieses Terrors, blieb auch nach dem Rückzug der Deutschen und dem erneuten Einmarsch der Roten Armee im Untergrund aktiv. Er führte einen aussichtslosen Kampf gegen die sowjetische Übermacht weiter. Die sowjetischen Sicherheitskräfte reagierten mit beispielloser Härte und einer Politik der kollektiven Bestrafung.

Familienangehörige von Aufständischen wurden deportiert, verhaftet und hingerichtet. Der Krieg in der Westukraine, der offiziell 1945 endete, dauerte für die Bevölkerung noch Jahre an, ein blutiger Guerillakrieg mit unzähligen Opfern.

Die Geschichte Schuchewitschs ist eine Geschichte der Extreme: ein Freiheitskämpfer für die einen, ein Massenmörder und Faschist für die anderen. Seine Taten haben tiefe Wunden hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind. Die Erinnerung an die Ereignisse in Wolhynien belastet das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine bis heute.

Die Frage nach der historischen Bewertung Schuchewitschs spaltet Gesellschaften und führt zu politischen Verwerfungen. Nationalistische Kräfte in der Ukraine verehren ihn bis heute als Held und Nationalisten, während in Polen die Opfer seiner brutalen Säuberungsaktionen im Mittelpunkt der Erinnerung stehen.

Sein Tod im Jahr 1950 beendete zwar seine Herrschaft, aber nicht die Kontroverse, die ihn umgibt. Die sowjetischen Bemühungen, die Erinnerung an ihn zu tilgen, schlugen fehl. Stattdessen wurde er durch die Verfolgung seiner Familie, die Deportation seiner Mutter und seiner Frau nach Sibirien, den Tod seines Vaters und die Verschleppung seiner Kinder in ein Waisenhaus, zur Märtyrerfigur für den ukrainischen Nationalismus.

Sein Sohn Jurij, der selbst im sowjetischen Gulag saß und sein Augenlicht verlor, erlebte schließlich die Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991. Das Vermächtnis von Roman Schuchewitsch ist ein Vermächtnis des Blutes, der Gewalt und eines ungelösten historischen Konflikts, der die Gegenwart Osteuropas weiterhin prägt. Die Aufarbeitung seiner Rolle und der Verbrechen der UPA bleibt eine der größten Herausforderungen für die historische Erinnerungskultur in der Ukraine und Polen.