Ich stand im Flur mit zwei leeren Sektgläsern in den Händen, als ich meine Tochter in der Küche sagen hörte: „Lange macht Mama es eh nicht mehr. Und dann läuft das über Paragraph 563 und die Wohnung bleibt einfach bei uns. “ Es war ihr fünfzigster Geburtstag. Leute im Wohnzimmer, ihre Praxiskolleginnen, zwei Nachbarn, mein Sohn Dominik mit seiner Frau, überall Gläser auf den Fensterbänken und dieser Geruch nach Blumen und warmem Essen, den Wohnungen an solchen Abenden haben.

Meine Wohnung, Hochparterre, Altbau in Köln-Nippes, hundertachtundzwanzig Quadratmeter, Stuck an der Decke, ein Balkon zum Hof mit dem Fliederbusch, den mein Mann 1984 gepflanzt hat. Ich stand im dunklen Flur zwischen Garderobe und Küchentür und hörte meinen Sohn antworten: „Musst du das so sagen? “ Und Katrin sagte: „Ich sage nur, wie es ist. Sie muss nur noch ein paar Jahre durchhalten, dann sind wir durch.
“
Ich schrie nicht. Ich ließ die Gläser nicht fallen. Ich ging auch nicht in die Küche, um zu fragen, wie viele Jahre sie mir denn eingeplant hätte. Stattdessen ging ich zurück ins Wohnzimmer, stellte die Gläser auf dem Sideboard ab, holte meinen Mantel und sagte ihr, dass mir der Rücken zu schaffen mache und ich langsam los müsse.
Sie küsste mich auf die Wange, sagte: „Ach, Mama, schon? “ und dass sie mir ein Taxi rufe. Ich habe das Taxi genommen, sechzehn Kilometer bis Chorweiler, achtundzwanzig Euro. Und ich habe während der ganzen Fahrt aus dem Fenster geschaut und kein einziges Wort gesagt.
Der Fahrer hat zweimal versucht, ein Gespräch anzufangen, über das Wetter und über die Sperrung auf der inneren Kanalstraße. Ich habe beide Male höflich geantwortet und könnte Ihnen heute nicht mehr sagen, was ich geantwortet habe. Ich habe in diesen sechzehn Kilometern zwei Sätze immer wieder gehört. Nicht den über meinen Tod.
Der tat weh, aber der war wenigstens ehrlich. Es waren die anderen beiden. „Dann sind wir durch“, als wäre ich ein Vorgang. Und „Musst du das so sagen?
“ Das war mein Sohn. Nicht „Wie kannst du so etwas denken? “, sondern „Sag es leiser“. Mein Mann Heinz ist im März gestorben.
Lungenkrebs, achtundvierzig Jahre geraucht, es kam nicht überraschend und es war trotzdem furchtbar. Er war Werkzeugmacher bei Ford in Niehl, dreiunddreißig Jahre, Frühschicht jeden Morgen um Viertel nach vier. Ich habe fünfunddreißig Jahre als Schichtleiterin in einem Krankenhaus in Ehrenfeld gearbeitet. Die Wohnung in Nippes haben wir im Oktober 1982 bekommen, über einen Kollegen von Heinz, weil damals in Köln schon nichts frei war, wenn man nicht jemanden kannte.
Ich weiß noch, wie wir das erste Mal drin standen. Hohe Decken, Doppelflügeltüren und ein Ofen, den man mit Kohlen heizen musste. Heinz hat gesagt: „Marla, hier gehen wir nicht mehr raus. “ Wir sind Jahre nicht mehr rausgegangen.
Der Mietvertrag läuft auf beide Namen, seit 1982. Nach Heinz‘ Tod bin ich als überlebende Mieterin allein weiter gelaufen. Die Kaltmiete lag zuletzt bei siebenhundertvierzig Euro. Ich sage Ihnen, was diese Wohnung heute auf dem freien Markt kostet, weil es der Kern dieser ganzen Geschichte ist.
Hundertachtundzwanzig Quadratmeter Altbau in Nippes, saniert, mit Balkon: zweitausendzweihundert bis zweitausendfünfhundert Euro kalt jeden Monat. Der Unterschied ist kein Geschenk. Der Unterschied sind zweiundvierzig Jahre, in denen zwei Menschen jeden Ersten pünktlich überwiesen und nie eine Wand kaputt gemacht haben. Katrin ist meine älteste, Zahnärztin mit eigener Praxis in Sülz, seit vierzehn Jahren, zwei Kinder.
Sie war schon als Mädchen die, die alles organisiert hat. Ich war stolz auf sie. Ich bin es in gewisser Weise immer noch, und das macht das alles nicht leichter. Dominik ist drei Jahre jünger.
Elektroniker, ruhig, ein bisschen zu weich, hat immer gemacht, was seine Schwester gesagt hat. Im Sommer 2019, ein gutes Jahr nach der Beerdigung, saß Katrin bei mir am Küchentisch und hatte einen Ausdruck dabei. „Mama, du rasselst hier allein durch hundertachtundzwanzig Quadratmeter. Drei Zimmer stehen leer.
Du kommst irgendwann die Treppen nicht mehr hoch. “ Ich war siebenundsechzig und ging zweimal die Woche schwimmen, aber das habe ich damals nicht gesagt. Was ich stattdessen gedacht habe: Sie hat recht. Es ist zu viel Wohnung für eine Person.
Das ist der Satz, mit dem alles anfängt. Nicht mit Bosheit, sondern mit einem vernünftigen Satz, dem man selbst zustimmt. Sie hatte ja auch echte Gründe. Ihr Mann arbeitete damals in Leverkusen, die Kinder wurden größer, ihre eigene Wohnung in Ehrenfeld hatte siebzig Quadratmeter und einen Schimmelfleck im Bad, den der Vermieter seit zwei Jahren nicht anfasste.
Ich wollte helfen. Ich wollte, dass meine Enkel ein eigenes Zimmer haben. Ihr Vorschlag: Sie zieht mit ihrer Familie hier ein. Die Kinder waren neun und zwölf und sollten sich ein Zimmer teilen.
Und für mich hatte sie schon etwas gefunden: eine Zweizimmerwohnung in Chorweiler, achter Stock, Aufzug, ebenerdige Dusche. Praktisch, sagte sie, alles auf einer Ebene, kein Treppensteigen, und du bist in zwanzig Minuten mit der Bahn wieder in Nippes. Ich habe drei Wochen gebraucht und dann ja gesagt, weil ich dachte, ich mache meiner Tochter das Leben leichter. Ich habe die Hauptmiete behalten.
Das war Heinz‘ Stimme in meinem Kopf. Er hat immer gesagt: Was zwischen Menschen gilt, gehört auf Papier. Also bin ich zur Hausverwaltung, habe die Untervermietung an meine Tochter genehmigen lassen, ordentlich, schriftlich, und habe darauf bestanden, dass wir einen richtigen Untermietvertrag machen. Zwei Seiten, von einem Formular abgeschrieben.
Wir haben beide unterschrieben, jeder hat ein Exemplar bekommen. Katrin hat gelacht und gesagt: „Mama, wir sind doch Familie. “ Ich habe gesagt: „Dann kostet es dich ja nichts, hier zu unterschreiben. “ Sie hat unterschrieben.
Ich glaube nicht, dass sie es gelesen hat. Katrin zahlt mir seitdem siebenhundertvierzig Euro, genau die Summe, die ich an die Hausverwaltung weitergebe. Ich verdiene daran keinen Cent. Ich wollte nie daran verdienen.
Meine Wohnung in Chorweiler kostet achthundertneunzig Euro warm. Ich zahle also seit sechs Jahren hundertfünfzig Euro im Monat dafür, dass meine Tochter in meiner Wohnung wohnt. Am Anfang kam ich noch oft, dann wurde es weniger. Nicht, weil man mich rausgeworfen hätte.
Es war höflicher als das. Es hieß: „Mama, Sonntag schlecht, die Kinder haben Training. “ Es hieß: „Ruf vorher an, nicht dass du umsonst kommst. “ Es hieß irgendwann, ohne dass es jemand aussprach, dass ich in dieser Wohnung ein Gast war.
Im dritten Jahr habe ich gemerkt, dass mein Schlüssel nicht mehr passte. Katrin sagte, sie hätten das Schloss tauschen müssen, ein Einbruch im Haus, und sie hätte vergessen, mir einen neuen zu geben. Sie hat mir dann einen gegeben. Es hat vier Monate gedauert.
Einmal im Mai bin ich unangemeldet vorbeigekommen, weil ich in Nippes beim Arzt war und dachte, ich schaue kurz rein. Katrin hat die Tür aufgemacht und ist im Türrahmen stehen geblieben. Sie hat mich nicht reingebeten. Wir haben acht Minuten im Treppenhaus gestanden und über die Enkel geredet.
Dann sagte sie, sie müsse zurück in eine Videokonferenz. Ich bin die Treppe runtergegangen und habe unten auf der Straße gestanden und mir gesagt, dass ich unangemeldet gekommen bin und dass das mein Fehler war. Ich habe es sechs Jahre lang immer geschafft, meinen Fehler zu finden. Der Flieder blüht immer noch.
Ich habe ihn 2023 zum letzten Mal blühen sehen, und dann stand ich an ihrem fünfzigsten Geburtstag in meinem eigenen dunklen Flur und hörte, dass sie ausgerechnet hatte, wie lange ich noch brauche. Paragraph 563 des Bürgerlichen Gesetzbuchs regelt, was mit einer Mietwohnung passiert, wenn der Mieter stirbt. Angehörige, die mit ihm einen gemeinsamen Haushalt geführt haben, treten in das Mietverhältnis ein, zu denselben Bedingungen, zur selben Miete. Meine Tochter hatte das nachgelesen.
Meine Tochter hatte ausgerechnet, dass ein Altvertrag von 1982 in Köln ungefähr eineinhalb Millionen Euro wert ist, wenn man ihn dreißig Jahre behält. Und meine Tochter hatte dafür genau eine Voraussetzung: dass ich rechtzeitig sterbe und dass bis dahin auf dem Papier alles so aussieht, als hätten wir zusammengewohnt. Ich bin in dieser Nacht um halb elf in meiner Chorweiler Küche angekommen, habe den Mantel über den Stuhl gelegt und mir keinen Tee gemacht. Ich habe den Ordner geholt, mit Heinz‘ Schrift auf dem Rücken: Wohnung.
Um elf habe ich angefangen zu schreiben. Zwei Briefe mit der Hand, weil ich am Computer langsamer bin als mit dem Kugelschreiber. Der erste Brief ging an die Wohnungsgesellschaft in Chorweiler: Kündigung meiner Zweizimmerwohnung zum nächstmöglichen Termin, drei Monate. Ich brauchte dafür niemandes Einverständnis.
Ich brauchte keinen Anwalt, kein Gericht und keine Begründung. Ein Mieter kann seine Wohnung kündigen, und damit ist es erledigt. Der zweite Brief ging an meine Tochter: Kündigung des Untermietverhältnisses über die Wohnung in Köln-Nippes, fristgerecht drei Monate zum Monatsende, unter Berufung auf den Untermietvertrag vom 14. August 2019.
Ich habe beide Briefe zweimal geschrieben, weil mir beim ersten Mal die Hand gezittert hat und ich nicht wollte, dass man das sieht. Zwischendurch habe ich einmal aufgehört und bin ans Fenster gegangen. Achter Stock, Chorweiler, nachts unten der Parkplatz mit den orangefarbenen Laternen. Ich habe da gestanden und mich gefragt, ob ich einer Mutter, die das täte, nicht selbst gesagt hätte, sie solle sich beruhigen und morgen noch einmal darüber schlafen.
Und dann habe ich mir eine Frage gestellt, die alles entschieden hat: Wenn Katrin heute Abend nicht in der Küche gestanden hätte, wenn ich es nie gehört hätte, wie viele Jahre hätte ich dann noch hier oben gewohnt und mir eingeredet, dass ich meiner Tochter das Leben leichter mache? Ich bin zurück an den Tisch gegangen und habe weitergeschrieben. Am Montagmorgen um neun Uhr war ich in der Postfiliale, Einschreiben mit Rückschein, beide. Die Frau am Schalter klebte die Belege auf und wünschte mir einen schönen Tag.
Dann bin ich zur Hausverwaltung gefahren, ohne Termin, und habe gewartet, bis Frau Östemier Zeit hatte. Ich habe ihr gesagt, dass ich die Untervermietung beende und ab Januar wieder selbst in der Wohnung wohne. Und dann habe ich sie um etwas gebeten, worauf ich am Wochenende gekommen war: um eine schriftliche Bestätigung, dass es keinerlei Absprachen, Anfragen oder Vormerkungen bezüglich einer Übernahme dieses Mietvertrags durch Dritte gibt. Frau Östemier sah mich an.
Dann sagte sie: „Frau Kortmann, Ihre Tochter hat im Frühjahr hier angerufen und genau danach gefragt. Und ich habe ihr gesagt, dass wir dazu ausschließlich mit Ihnen sprechen. Sie hat gesagt, Sie seien gesundheitlich nicht mehr in der Lage, solche Dinge zu regeln. “
Ich habe zwei Sekunden gebraucht, um weiteratmen zu können.
„Wann war das genau? “ Sie hat im System nachgesehen. Zwölfter April. „Es ist vermerkt, weil ich es vermerken muss.
“ Fünf Monate vor dem Geburtstag. Fünf Monate, in denen sie mich zweimal angerufen hat, um zu fragen, wie es mir geht. Dann habe ich gesagt: „Schreiben Sie mir das bitte auch auf, mit Datum. “ Sie hat es aufgeschrieben, ausgedruckt, unterschrieben und gestempelt.
Es hat vier Minuten gedauert. Ich habe an diesem Nachmittag verstanden, warum mein Mann sein Leben lang alles aufgehoben hat. Jede Quittung, jeden Schriftwechsel, jede Kopie. Ich habe mich vierzig Jahre lang über diese Ordner lustig gemacht.
Ich habe mich in dieser Woche bei ihm entschuldigt, laut, in einer leeren Küche. Man darf so etwas tun, wenn man dreiundsiebzig ist. Der Rückschein von Katrins Einschreiben kam am Mittwoch. Sie rief am selben Abend an, und zum ersten Mal seit Jahren war ihre Stimme nicht organisiert.
„Mama, was soll das? Das ist doch nicht dein Ernst. “ – „Doch. “ – „Wir haben hier zwei Kinder in der Schule.
Wo sollen wir denn hin? Weißt du, was Wohnungen in Köln kosten? “ – „Ja“, habe ich gesagt. „Ich weiß es sehr genau.
Deswegen wohnst du seit sechs Jahren für siebenhundertvierzig Euro in einer Wohnung, die zweitausendfünfhundert kostet. “ Sie sagte, das sei doch abgesprochen gewesen. Sie sagte, ich sei freiwillig nach Chorweiler gezogen. Sie sagte, sie könne das nicht fassen, in ihrem Alter.
Und dann sagte sie den Satz, auf den ich die ganze Zeit gewartet hatte: „Was ist denn plötzlich in dich gefahren? “
„Ich stand am Samstag um halb neun in meinem eigenen Flur“, habe ich gesagt, „und ich habe gehört, wie du zu deinem Bruder gesagt hast, dass ich es eh nicht mehr lange mache und dass dann Paragraph 563 greift. “ Ich hörte, wie sie einatmete. „Ich musste nachschlagen, was das ist“, habe ich gesagt.
„Ich habe am Sonntagmorgen in der Bibliothek gesessen und nachgeschlagen, was meine Tochter über mich ausgerechnet hat. “ Es war sehr lange still. Dann sagte sie: „Das hast du falsch verstanden. “ – „Nein, Katrin.
Ich habe es zum ersten Mal richtig verstanden. “
Zwei Wochen später kam ein Anwaltsschreiben. Sie berief sich auf die Sozialklausel, auf die Härte für die Kinder, auf den fehlenden Ersatzwohnraum in Köln. Ich bin damit zum Mieterverein gegangen.
Ein Jahresbeitrag, und eine Juristin hat sich die Sache eine halbe Stunde lang angesehen. Sie sagte, der Härteeinwand eines Untermieters gegenüber dem Hauptmieter sei schwach. Es helfe der Gegenseite nicht, wenn die Untermieterin eine niedergelassene Zahnärztin mit eigener Praxis sei. Und dann fragte sie, ob ich denn einen schriftlichen Untermietvertrag hätte.
Ich habe ihn ihr hingelegt, zwei Seiten, vom Formular abgeschrieben, unterschrieben am 14. August 2019. Sie hat ihn gelesen und dann etwas gesagt, das ich nicht erwartet hatte: „Frau Kortmann, wissen Sie eigentlich, was Sie sich damit gebaut haben? Ihre Tochter hat hier schwarz auf weiß als Untermieterin unterschrieben, nicht als Angehörige in einem gemeinsamen Haushalt.
Ein Eintrittsrecht nach Paragraph 563 hätte sie nie gehabt. Dafür hätten Sie zusammenwohnen müssen. “
Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich das begriffen hatte. Ich habe gefragt, ob sie sicher sei.
Sie hat den Vertrag noch einmal umgedreht und auf die Überschrift getippt: Untermietvertrag. Vertragsparteien: Hauptmieterin Marla Kortmann, Untermieterin Katrin Bergmann. „Ein gemeinsamer Haushalt ist etwas anderes als ein Untermietverhältnis“, hat sie gesagt. „Das schließt sich gegenseitig aus.
Wer Miete zahlt und einen eigenen Vertrag hat, führt keinen gemeinsamen Haushalt mit dem Hauptmieter. Und Sie waren in den ganzen sechs Jahren nicht einmal dort gemeldet. “
Der Plan meiner Tochter hat vom ersten Tag an nicht funktioniert. Er hat nie funktioniert.
Er ist an zwei Seiten Papier gescheitert, auf denen sie selbst unterschrieben hat, weil sie es nicht für nötig hielt, sie zu lesen. Sechs Jahre lang haben sie und ihr Mann in dieser Wohnung gewohnt und darauf gewartet, dass ich sterbe, damit ein Recht greift, das sie gar nicht hatten. Die Juristin hat den Antwortbrief formuliert, eine Seite, sehr sachlich. Sie hat den Untermietvertrag beigelegt, die Bestätigung von Frau Östemier und meine Meldebescheinigung aus Chorweiler.
Der Anwalt schrieb noch zweimal. Beim zweiten Mal ging es nicht mehr um Härte, sondern um eine Verlängerung der Frist bis zum Schuljahresende und um eine Abstandszahlung für die Einbauküche. Die Frist habe ich gegeben, drei Monate, ohne dass jemand danach fragen musste, weil ich nicht wollte, dass meine Enkelkinder mitten im Halbjahr die Schule wechseln. Die Abstandszahlung habe ich abgelehnt.
Sie hatten die Küche eingebaut, ohne mich zu fragen, in eine Wohnung, in der eine funktionierende Küche stand. Meine Küche steht seitdem im Keller einer Spedition in Ossendorf und kostet mich neunzehn Euro im Monat. Dann hörte es auf. Sie sind Ende Februar ausgezogen.
Ich war nicht dabei. Ich habe die Schlüssel per Einschreiben zurückbekommen, alle vier, ohne einen Zettel dabei. Am ersten März bin ich zurückgezogen. Die Wohnung sah nicht mehr aus wie meine.
Sie hatten die Doppelflügeltüren weiß lackiert und in der Küche eine Wand rausgenommen. Der Fliederbusch im Hof war bis auf einen halben Meter zurückgeschnitten, weil er angeblich zu viel Schatten warf. Ich habe zwei Monate gebraucht. Ein Malermeister aus dem Veedel hat mir geholfen.
Dominik hat die Lampen gemacht. Die Türen habe ich abbeizen lassen. Darunter kam das alte Holz wieder raus, dunkel, mit den Kratzern auf Kniehöhe, die meine Kinder in den Achtzigerjahren mit ihren Dreirädern hineingefahren haben. Ich habe an dem Tag, als die Türen fertig waren, auf dem Boden im Flur gesessen und geweint.
Zum ersten Mal seit dem Geburtstag. Nicht wegen Katrin, wegen der Kratzer. Ja, Dominik. Er stand drei Wochen nach dem Auszug seiner Schwester vor meiner Tür in Chorweiler, mit einer Tüte Brötchen, und hat geweint, bevor er überhaupt etwas gesagt hat.
Er hat mir erzählt, dass er im Frühjahr davon erfahren hat und dass er nicht wusste, wie er das stoppen soll. Er hat gesagt: „Ich habe in der Küche gesagt, sie soll das nicht so sagen. Das war alles, was ich getan habe. Ich habe gesagt: Sag es nicht so.
Nicht: Tu es nicht. “
Ich habe ihm nicht sofort verziehen. Ich habe ihm gesagt, dass ich Zeit brauche, und er hat das ausgehalten, ohne zu drängeln. Und genau daran habe ich gemerkt, dass er es ernst meint.
Er kommt jetzt jeden zweiten Samstag. Wir haben zusammen den Flieder wieder hochgezogen. Er wird zwei Jahre brauchen, sagt der Mann aus dem Gartenmarkt. Wir reden dabei nicht viel.
Er ist wie sein Vater, er redet mit den Händen. Aber einmal im Juni hat er beim Umgraben, ohne aufzuschauen, gesagt: „Ich hätte dich anrufen müssen, Mama. Im April. Ich wusste es im April.
“ Ich habe gesagt: „Ja, das hättest du. “ Er hat genickt und weitergegraben. Das war unser ganzes Gespräch darüber, und ich glaube, mehr braucht es auch nicht. Katrin und ich haben seit dem Auszug nicht mehr gesprochen.
Sie hat mir zu Weihnachten eine Karte geschickt, gedruckter Text, darunter ihr Name. Ich habe eine zurückgeschickt, handschriftlich, drei Sätze. Darauf kam nichts. Die Leute im Veedel fragen manchmal: „Frau Kortmann, wohnt Ihre Tochter nicht mehr oben?
“ Ich sage dann: „Sie sind umgezogen, ist ja auch näher an der Praxis. “ Das ist nicht die ganze Wahrheit, aber es ist keine Lüge. Und ich habe nicht vor, in der Bäckerei über meine Familie zu reden. Sie wohnen jetzt in Weiden, eine Neubauwohnung, vier Zimmer.
Ich weiß, was so etwas in Köln kostet. Ich habe es nie ausgesprochen, und ich werde es auch nie aussprechen, weil das der einzige Satz wäre, den ich mir hinterher wirklich vorwerfen müsste. Meine Enkelkinder sind fünfzehn und achtzehn. Der Große hat mich im Sommer von sich aus angerufen.
Er studiert jetzt in Bonn und wollte wissen, ob er mal vorbeikommen darf. Wir haben einen Nachmittag auf dem Balkon gesessen. Er hat gefragt, warum sie ausgezogen sind, und ich habe gesagt, dass es zwischen seiner Mutter und mir eine Sache gibt, die die beiden erwachsenen Frauen unter sich ausmachen müssen und die nichts mit ihm zu tun hat. Er hat das akzeptiert.
Achtzehnjährige sind oft klüger, als man denkt. Ich habe kein einziges Wort über seine Mutter gesagt, und ich habe vor, das auch weiter nicht zu tun. Was auch immer zwischen uns kaputtgegangen ist, es gehört uns beiden allein. Ich werde meiner Tochter nicht auch noch ihre Kinder nehmen.
Nicht, weil sie es verdient hätte, sondern weil ich sonst genau die wäre, für die sie mich gehalten hat. Heute Morgen habe ich auf dem Balkon gefrühstückt. Es war halb acht. Die Sonne kam gerade über das Dach vom Hinterhaus, und unten hat jemand sein Fahrrad rausgeschoben.
Ich saß da mit einem Kaffee in Heinz‘ altem Sessel, in der Wohnung, in der ich zweiundvierzig Jahre gelebt habe, und über mir war der Stuck an der Decke, den ich seit 1982 kenne. Ich bin Marla Kortmann. Ich bin dreiundsiebzig Jahre alt. Ich wohne wieder zu Hause.
Ich zahle meine Miete pünktlich wie immer, und ich habe nicht die geringste Absicht, in absehbarer Zeit zu sterben. Und jetzt sagen Sie mir Ihre Meinung. War ich zu hart? Setzt man seine eigene Tochter mit zwei Kindern in Köln vor die Tür, egal was sie gesagt hat, oder hat sie genau das bekommen, was sie sich selbst ausgerechnet hat?
Und denken Sie daran: Wer anfängt, Ihre Jahre zu zählen, der wartet nicht auf Sie. Der wartet darauf, dass Sie fertig sind.


